Benzingespräche

Lotus mit Dachschaden

Warum beim Lotus Europa plötzlich Pickel sprießen

Als Hans Wiegand nach langer Zeit einmal seinen Lotus Europa aus der Garage herausholen will, macht er eine unschöne Entdeckung: Unter dem grünen Autopyjama mit Lotusaufdruck bildeten sich mittig auf dem Dach Blasen. Pickel! Auf einer Fläche so groß wie ein Essteller.

Nahaufnahme des Lackes bei der Begutachtung (Foto: Glasurit / BASF Coatings)

Hans Wiegand liebt Autos. Schon vor über 20 Jahren erfüllte er sich mit der Eröffnung seiner eigenen Autowerkstatt in Hemsbach an der Bergstraße einen Traum.

Zur Eröffnung parkte er als Eye-Catcher einen signalgelben Lotus Europa in der Werkstatt. Was die wenigsten wussten: Nachdem der Lotus einige Jahre beim Vorbesitzer im Garten vor sich hingammelte, restaurierte Hans ihn in einen Zustand „besser als neu“.

Mit Haus, Werkstatt und Kindern bleib jedoch nicht viel Zeit, den Lotus ausgiebig zu bewegen. So kamen nur 1.000 bis 2.000km in den letzten 20 Jahren zusammen. Viele Oldtimerbesitzer steigen in solch einem Fall auf eine vermeintlich günstigere Teilkasko um, um Geld zu sparen. „Ich fahre so gut wie nie, was soll da schon passieren“ hört man sie dann auf den Treffen verkünden. Hans Wiegand gehört nicht zu diesen Sparfüchsen. Zu seinem Glück, denn in diesem Fall hat es sich tatsächlich bezahlt gemacht.

Als er nämlich dieses Frühjahr in seiner Garage nach langer Zeit einmal den Lotus Europa herausholen wollte, machte Hans eine unschöne Entdeckung: Unter dem grünen Autopyjama mit Lotusaufdruck bildeten sich mittig auf dem Dach Blasen, wie kleine Pickel, auf einer Fläche so groß wie ein Essteller.

Was war passiert? 
Dies erklärt uns Lackexperte Jürgen Book, BASF Coatings:

"Dieser gelbe Lotus Europa, Baujahr 1971 ist 1999/2000 aufwändig restauriert und hinsichtlich seiner Oberflächenqualität vermutlich besser als damals bei Lotus lackiert worden. Seit der Restaurierung konnte er sich nur bedingt an Asphalt gewöhnen, denn er legte seitdem nur knapp 1000 km zurück. Untergebracht ist er in einer Doppelparkergarage aus Fertigbauweise mit Elementen, in der die Autos hintereinander stehen.

Wie kann es sein, dass plötzlich an einer lokal begrenzten Stelle auf dem Autodach intensive Blasenbildung eintritt?
Viele Faktoren entscheiden über den Erhaltungszustand eines jeden Fahrzeugs. Optimale Lagerungsbedingungen und gute Pflege sind bei nicht oft bewegten Fahrzeugen – ein Widerspruch in sich – essentiell.
Der Lotus Europa besteht aus einer GFK-Kunststoffkarosse. GFK steht für Glasfaserverstärkten Kunststoff, also in Polyesterharz eingebettete Glasfasern. Die Oberfläche wird in einem Werkzeug in einer Negativform mit einer sog. Polyesterharz-Gelcoatschicht versehen, dann wird das Kunststoffteil mit Glasfasern und Polyesterharz aufgebaut. Soweit eigentlich nichts Ungewöhnliches, auch viele andere Fahrzeuge sind derart konstruiert. Allerdings sind Polyesterharze hygroskopisch, also wasseranziehend und bindend. Das betrifft übrigens auch Polyesterspachtel, die deshalb generell nur trocken geschliffen werden sollen.

Die beschriebenen Lackblasen sind entstanden, während der Besitzer zum Schutz gegen auf eine Querstrebe gehängte Poolabdeckung einen circa 25x25 cm großen Styroporklotz relativ mittig auf das Autodach legte, das sich zu diesem Zeitpunkt (wie immer) unter einem Autopyjama befand. Nach dem Entfernen des Styroporklotzes nach mehreren Wochen wurde sichtbar, das sich scharf begrenzt genau unter dem Klotz eine Blasenbildung entstanden ist. Vlieseline Styropor selbst ist übrigens nicht hygroskopisch.
Schauen wir in die Grundprinzipien einer Lackierung. Ein Lackaufbau besteht ab Werk aus Grundierung, Füller, Decklack und ist ein in sich abgestimmtes System. U.a. auf der Webseite der FIVA wird sehr ausführlich beschrieben was ein Lackaufbau alles aushalten muss.

  1. Was Lack alles kann, Teil 1
  2. FIVA Master Classes

Dieses System muss verschiedenen Beanspruchungen standhalten und ist NICHT feuchtigkeitsundurchlässig. Ein Lackaufbau „atmet“ und gleicht unterschiedliche Luftfeuchtigkeits-Mengen auf diese Weise aus. Die Bestimmung der Beständigkeit eines Lackaufbaus gegen Feuchtigkeit ist auch für Lack- und Autohersteller ein sehr wichtiges Kriterium.
Die Stabilität diesbezüglich wird u.a. im sog. KK-Test (Kondenswasser-Konstantklima-Test nach DIN EN ISO 6270-2) geprüft. Zur Klärung des Verhaltens von Probenkörpern in feuchten Umgebungsklimaten nach den Standards von Autoherstellern muss ein Lackaufbau etwa 240 Stunden = 10 Tage bei 40°C und 100% relativer Luftfeuchte durchhalten ohne abzuplatzen oder Blasenbildung zu erzeugen etc. .
Das bedeutet also, dass jeder Lackaufbau einer gewissen Belastungsgrenze unterliegt, die maßgeblich davon abhängt, wie man ihn belastet. Aber was soll schon in einer Garage passieren?
Ein konstantes Feuchtklima ist also unbedingt zu vermeiden. Gelegentliche Luftfeuchtigkeits-Spitzen kann ein Lackaufbau durch Aufnahme und Abgabe (Diffundieren) von Feuchtigkeit gut kompensieren, eine dauerhafte Belastung unter Umständen nicht. Selbst nach Jahrzehnten können bei bisher unbeschädigten Fahrzeugen auf diese Weise plötzlich Blasen auftreten, die in der Regel auch nicht mehr reversibel sind. Das A und O ist neben einer möglichst geringen relativen Luftfeuchtigkeit – optimal sind ca. 50 % - 55 % - auch eine konstante Be- und Umlüftung des gesamten Fahrzeugs.

In deutschen Garagen und Scheunen kommt es allerdings oft zu deutlich höheren Werten. Um 90% relative Luftfeuchtigkeit sind keine Seltenheit. Das ist nicht optimal aber ggf. zu kompensieren.
Ein großes Problem kann entstehen, wenn diese Luftfeuchtigkeit nicht abtransportiert wird, denn dann beginnt sie sich im Lackaufbau anzusammeln. Es kann reichen, das Auto einige Wochen oder wenige Monate an einer feuchten Mauer mit wenig Luftzirkulation stehen zu lassen.  Auch bei Abdeckmaterialien bestehen immer potentielle Risiken.
Das ist bei diesem Lotus offenbar der Fall. Zwischen Decke und Styropor hat sich ein Mikro-Feuchtklima gebildet, das die Ansammlung von Feuchtigkeit verursachte. Das zusätzliche Vlies war vermutlich auch nicht hilfreich. Wo im Lackaufbau sich diese Feuchtigkeit angesammelt hat, ist ohne Beschädigung der Lackierung nicht feststellbar. Sollte der Eigentümer die Stelle reparieren wollen, muss der Lackaufbau bis auf gesunde Schichten abgeschliffen und neu aufgebaut werden.

Text : Jürgen Book, Glasurit/BASF Coatings


Da es sich um einen BELMOT-versicherten Schaden handelte, hat sich Hans Wiegand natürlich für die Reparatur entschieden. Das Ergebnis seht ihr in der Bildergalerie.

Bildergalerie

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