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Benzingespräche

Gewollt individuell

Ein Buick Riviera wird zum „Rivtile“

Jürgen Book ist nicht zu übersehen – nicht nur wegen seiner Körpergröße von 2,08m, mit denen er über 99% der Menschen in seinem Alltag überragt. Wird er von einem ganz bestimmten seiner insgesamt sechs Oldtimer begleitet, wissen die Augen des Betrachters nicht, wo sie zuerst hinschauen sollen: Ein Auto, das funkelt und glitzert wie kein zweites.

Fotografiert auf der Automechanika Frankfurt

Ein Auto, das funkelt und glitzert wie wahrscheinlich kein zweites. Dafür sorgen einige tausend Swarovski Steine, die am Kühlergrill verbaut wurden sowie die in den dunkelgrünen Lack eingearbeiteten Ice-Flakes, die vor allem im gleißenden Sonnenlicht in der Wüste Las Vegas so richtig pompös glitzern.


Foto: Jürgen Book

Las Vegas? Genau dort, auf der weltberühmten SEMA Show wurde der 1972er Buick Riviera 2014 der staunenden Öffentlichkeit präsentiert. Ein 5,52 m langer, 2,2 Tonnen schwerer, 330 PS starker Koloss von Wagen mit einem nicht weniger fulminanten Interieur in Schlangenhaut-Optik: Jürgen Book erhielt mehrere Awards für seinen Riviera im „Reptilien-Look“, der passend „Rivtile“ getauft wurde.

Foto: Jürgen Book

Authentische Automobilfarbtöne und die möglichst unsichtbare Lackreparatur unter größtmöglicher Wahrung der Original- oder Altsubstanz stehen im Mittelpunkt des beruflichen Wirkens.  Inspiriert durch die US-Fahrzeugkultur hat er diesem Fahrzeug als „Once in a lifetime“-Projekt eine für europäische Augen ungewohnte und so gewollte Optik verpasst.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – oder doch?
Als Jürgen Book noch ein Junge war, nahm ihn sein Vater regelmäßig mit in die Garage und schraubte gemeinsam mit ihm an seinen Wagen – an DKW, Ford Taunus und Mercedes /8. Book fand dies zunächst gar nicht so beeindruckend. Doch das Blatt wendete sich und er entwickelte ungeahnt eine automobile Passion. So kaufte und schraubte er als Erwachsener zunächst an Autos, die sein Vater auch besessen hatte, darunter ein Lloyd Alexander und aus Neugier 3 Trabbis. Freunde gaben ihm jedoch bald den Rat: „Kauf Dir doch mal ein Auto, in das Du reinpasst!“

Es entwickelte sich mit der Zeit eine Vorliebe für Fahrzeuge mit ausgefallenen Karosserieformen, speziell mit einem bootsähnlichen Heck. Im 1935er Auburn Speedster war zu wenig Platz und bald fiel der Blick auf die Buick Riviera speziell der Baujahre 1971 und 1972.  Radikale durchgängig gestylte Karosserie mit gewaltigem Hüftschwung und ausreichend Sitzplatz! Schnell war klar: „Genau das isses“. Die Suche begann im Jahr 2000 beim ersten US-Urlaub, aber es war kein adäquates Fahrzeug zu finden. Es dauerte noch bis 2005. Es sollte kein perfektes original erhaltenes Fahrzeug sein, denn es reifte der Plan, das Fahrzeug nach eigenem Geschmack komplett zu gestalten.  „Ich machte dann genau das, wovon ich immer abrate: Ungesehen bei ebay zuschlagen! Ich kaufte in einer bestimmten Situation und für einen angenehmen Kurs einen 1971er Buick. Die Anzeige zeigte nur unscharfe Bilder mit den üblichen Attributen „great, runs well, good condition“ in Ohio.  Leider entpuppte sich „das Ding“ als unbrauchbare Basis und wurde im Nachhinein ein wertvoller Teileträger. Nach der Frustbewältigung kam es ein Jahr später zum Kauf eines weiteren Riviera von 1972 in der Pfalz.  Auch dieser Riv war schon mal komplett umgestaltet und hatte als seltenes Detail ein Schiebedach.

Exotisch, nicht kopierbar, individuell
Zeitgleich entwickelte die BASF Coatings GmbH, für die Book in leitender Funktion bereits damals tätig war, im US-Markt ein Custom-Paint-Lackiersystem. Unter seiner Leitung wurde dies für den europäischen Markt auf VOC-Konformität, also lösemittelreduziert und teils mit wasserbasierenden Komponenten, umformuliert.

Foto: Andreas Wunsch, Fulda

Der Ausgangspunkt der Gestaltung war aber das Interieur. Mainstream war nicht gefragt, sondern ein Material, das die Vision „Rivtile“ abbildet. „So etwas hatte ich schon im Kopf, ein Reptil, das sich häutet.“ Sein befreundeter Polsterer zeigte ihm ‚Boa Constrictor Lemon Metallic‘, ein Kunstleder im Schlangenmuster. Es gab nur 30 Meter als Musterstoff und keine Nachfrage. Genau das war es: Exotisch, nicht kopierbar, individuell. Die Außenfarbe wurde danach passend zum Interieur bei einer Dienstreise im US-Labor in Whitehouse/Ohio abgestimmt. „Ein elegantes Grün mit einem Goldflop und als Zugabe ein Hauch sogenannte Iceflakes, die speziell im Sonnenlicht unwirklich glitzern und eine besondere dreidimensionale Farbtiefe erzeugen.“ Durchgängig sind die dominierenden Farben Grün und Gold.  Teils eingelegtes Blattgold setzt das i-Tüpfelchen.

Foto: BASF Coatings GmbH

Zeitplan knapp verfehlt
Vor dem Lack erfolgte die vollkommene Überholung der Karosse und des Fahrwerks bei „Poweleit der Autolackierer GmbH“ in Grumbach bei Dresden sowie des Motors und der Elektrik. Jede Schraube, jedes Teil wurde angefasst und bewegt und wo möglich aufgearbeitet und damit erhalten. Die Beschaffung dennoch notwendiger Ersatzteile war manchmal schwer bis unmöglich und das Projekt zog sich. Fertigstellung geplant 2008, realisiert 2013. Oldtimerfans kennen das, denn neben Job, Reisen und anderen Verpflichtungen muss auch Muße und Lust dabei sein, ansonsten wird es quälend.

Ein Showcar-Unikat ohnegleichen
„Technisch wollte ich authentisch bleiben, optisch wollte ich den Wagen jedoch nach meinen Vorstellungen gestalten.“ Die gechoppte vordere Stoßstange betont den Hai-artigen Kühlergrill, den Book’s Frau Anja mit tausenden grünen handgeklebten Swarovski-Kristallen dezent verzierte. Alte Fahrzeugteile wurden möglichst aufgearbeitet, Ersatzteile anderer Fahrzeuge oder wenn es nicht anders ging geeignete Nachfertigungen verbaut. Einige Extras wie Türknöpfe im Schlangenlook kamen aus den US-Autozones, die mit Kristallen verzierte Krone auf der Ablage hinten stammt aus Hongkong. Ein Besuch bei „Desert Valley Auto Parts“ in Phoenix und die Hilfe und Vernetzung vieler Buick-Fans und Kollegen sorgte für die Lösung der Ersatzteilmisere. Letztlich besteht der Riv aus Teilen von ca. 2,5 Fahrzeugen. Alle Arbeitsschritte sind detailliert dokumentiert.

Das finale Lackdesign wurde mit Gerd Müller, im Jahr 2007 Europameister der Custom-Painter abgesprochen und bei Fulda umgesetzt.  Die beeindruckende Farbtiefe entsteht durch die Verwendung von sog. Candies, also transparenten Farbstofflösungen – und zwar erstmals wasserbasierend.  Jedes Teil vom Armaturenbrett über die Innenverkleidungen bis zum goldfarben lackierten Tank ist lackiert. Die angewandten Lacktechniken sind alle nicht historisch neu, aber die Kombination auf einem einzigen Fahrzeug so eher ungewöhnlich. Die technisch perfekte Umsetzung mit mehreren Lackschichten und unterschiedlichen Design- und Lackiertechniken sorgt so für ein Showcar-Unikat ohnegleichen.

Foto: BASF Coatings GmbH

Das beweisen staunende Blicke - wenn er denn mal auftaucht. Bei Regen bleibt er in der Garage und gefahren wird er eigentlich nur bei Autoveranstaltungen. Bei der ersten Präsentation zur Motor Show in Essen 2013 gab es gleich den zweiten Preis als „King of the Street“.  Die US-Kollegen sorgten 2014 für die Präsentation auf der Bühne der Car Crazy Central Show mit Barry Meguire und danach noch bei Autorama-Shows in Kansas City, Houston, Detroit, Cincinatti.  Solch eine Lackierung mit umweltfreundlichen Lacken konnte sich niemand vorstellen. Einige Awards für die Lackierung sprechen für sich, denn bei der SEMA herrscht große Konkurrenz.

Das Geheimnis im Kofferraum
Im Kofferraum wohnt übrigens tatsächlich ein Reptil. Nach der Entfernung des Airride-Systems war Platz für einen Schlangenkäfig. Ein Klapperschlangen-Weinflaschenhalter aus Tombstone/Arizona und eine Flasche grüner Absinth illuminiert mit grünen LEDs sorgen für überraschende Einblicke. Ein in Buenos Aires entstandenen Buick-Logo der 50er Jahre bereichert den Look des Kofferraums.

Hinfahren, abstellen, weggehen? Besser nicht!
2018 war der Buick bei der „Automechanika“ in Frankfurt laut BILD der Hingucker der Messe. 2019 bereicherte der „Rivtile“ die Essen Motor Show zum zweiten Mal. Die Frage „Darf man das?“ kommt übrigens selten vor, eher die Frage „Wie macht man sowas“?

Weitgereist, aber wenig gefahren. Für dieses Dilemma entschädigt der Blick auf den Rivtile in der heimischen Garage und jeder auch noch so kurze „Ausritt“. Einfach irgendwo hinfahren, abstellen und beruhigt weggehen wird auch weiter nicht möglich sein, denn das Auto ist ein echter Zuschauermagnet.
 

Jürgen Book ist seit den 1980er Jahren Oldtimerfan, der sein leidenschaftliches Hobby mit seinem Beruf verbinden kann. Seit 1975 ist er in verschiedenen Positionen für die BASF Coatings GmbH im Bereich Autoreparaturlacke tätig, seit 2017 Leiter des Bereichs Classic Cars der Marke Glasurit. Als Initiator des BASF-Programms „Glasurit Classic Car Colors“ hat er u.a. die weltweit größte Farbtondatenbank ins Leben gerufen und unterstützt damit Oldtimerliebhaber bei allen Lackfragen. Seit 1. Juli 2020 sind BELMOT und Glasurit Classic Car Colors übrigens offiziell Kooperationspartner.

Neben dem Buick Rivera nennt Jürgen Book drei weitere amerikanische Wagen sein eigenen: Einen 1977er Lincoln Continental Town Coupe im Erstlack, einen 1968er Cadillac DeVille Cabrio sowie einen 1968er GMC Suburban. ( Foto: BASF Coatings GmbH)

 

 

 

Interview und Text von Isabelle
und Jürgen Book 


Verwandter Blogartikel:
BELMOT und Glasurit besiegeln Kooperationsvertrag

Bildergalerie

Foto 1: Jürgen Book 

Foto 2: Hubertus Huvermann, Münster

Foto 3: BASF Coatings GmbH

Foto 4: Jürgen Book

Foto 5: BASF Coatings GmbH


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