Zum Inhalt wechseln

Benzingespräche

Leidenschaftlicher Oldtimerfahrer trifft TÜV Prüfer aus Leidenschaft

Der Stricher muss im August '19 zum TÜV. Im Februar '20 ist es soweit. Eine Geschichte zu den gemischten Gefühlen dazwischen und den guten danach.

Foto: Patrick von BELMOT

Der Stricher muss im August 2019 zum TÜV.

Ich weiß das natürlich, aber irgendwie ist im Sommer noch so viel zu tun. Ich will Oldtimer fahren und nicht beim TÜV rumstehen. Das mache ich im September. Bei einem Monat sagt ja noch niemand etwas. Und dann das gleiche Spiel im September. Also sollte es im Oktober klappen - tut es aber nicht. Ich vergesse es nämlich.

Und dann ist schon echt schlechtes Wetter und der Winter kommt. Da kann ich unmöglich mit dem Oldtimer raus. Ich verdränge den Gedanken an die Folgen des fehlenden TÜV. Bis Freitag, 21.02.2020. Am Nachmittag quält mich die Vorstellung, wie ich Punkte bekomme, weil der TÜV zu lange abgelaufen ist. Das passiert spätestens bei mehr als 8 Monaten Überziehung. Ich gehe auf die Website des TÜV und vereinbare online einem Termin am Samstag um 12:15 Uhr. Die Wettervorhersage ist gut. Ich bin fast erleichtert, dass ich endlich die Hauptuntersuchung angehe. 

Dann kommt eine E-Mail vom TÜV. Es handelt sich ja um einen Oldtimer, da passt dem TÜV 12:15 Uhr nicht. Man bietet mir 8 Uhr morgens an. Ich nehme an, obwohl ich lieber ausgeschlafen hätte. Am Samstag um 06:00 klingelt der Wecker, ich mache mich auf den Weg. Der Stricher steht ja noch im Winterlager, der Wagen ist seit 5 Monaten nicht mehr gelaufen. Mal sehen, ob er anspringt. Ich bin mit zusätzlicher Starterbatterie und anderen kleinen Helfern für alles vorbereitet. 

Ich brauche nichts davon. Ich setze mich in den Wagen, starte, der Motor dreht gefühlt drei Sekunden. Und springt an. So, als ob er gestern noch gelaufen wäre. Mercedes halt. Zur Erinnerung: Das Auto ist 44 Jahre alt. Das nenne ich Qualität.

Eigentlich wollte ich extra im Mittagsverkehr zum TÜV. Ich dachte, da fällt die TÜV Plakette aus dem Jahr 2019 vielleicht nicht so auf. Jetzt sind die Straßen menschenleer. Gefühlt bin ich das einzige Auto. Wenn jetzt die Polizei kommt, sehen die sofort, dass ich längst nicht mehr auf eigener Achse fahren dürfte. Ich habe ein blödes Gefühl, aber es geht alles gut. 

Ein bisschen fühle ich mich wie ein Verbrecher...

Ich komme, ohne aufzufallen, beim TÜV in München an. Ich bin noch zu früh und muss warten. Die Mitarbeiter des TÜV machen mir auf. Ich kenne meinem TÜV Prüfer, er hat die letzte HU auch schon gemacht. Auch er hat mal einen Strich 8 gefahren. Das hat er mir im Sommer 2017 erzählt. Auch er erinnert sich an mich oder vielmehr an den Stricher. Wir kommen ins Gespräch und schauen uns das Auto auch gemeinsam komplett an. Motor, von innen und natürlich von unten. Ich liebe dieses Auto ohnehin, aber auch bei Gert, so heißt der Prüfer, sehe ich ein Glitzern in den Augen.

Gert ist übrigens 73 Jahre alt und Prüfer aus Leidenschaft. Er arbeitet natürlich nicht mehr Vollzeit, sondern nur noch ein paar Stunden pro Woche. Das macht ihm Spaß, er bleibt geistig und körperlich gefordert und damit fit. Und er sagt: „Hier werde ich für meine Arbeit bezahlt, daheim kommandiert mich meine Frau herum und ich bekomme nicht dafür. Ich liebe meine Frau, aber hier zu arbeiten ist halt auch etwas Besonderes für mich“. Gert ist definitiv Prüfer aus Leidenschaft.

Gert ist unglaublich sympathisch. Ich hätte große Lust, mit ihm und dem Stricher zu einem Café zu fahren. Aber Gert arbeitet schließlich hier und die Prüfung ist längst vorbei. Der Benz hat bestanden. Mangelfrei natürlich. Gert klebt mir die Plakette auf das Kennzeichen und wir verabschieden uns. Ich sage: „Wir sehen uns dann in 2 Jahren wieder“. Gert schmunzelt. Das kann er mir nicht versprechen, dann wäre er immerhin schon 75, ausschließen will er es aber nicht.

Wir werden sehen. Ich fahre auf jeden Fall gut gelaunt mit frischem TÜV nach Hause. Fühlt sich gut an. Bin jetzt gar kein Verbrecher mehr :-). TÜV kann richtig Spaß machen.

Verwandte Artikel mit Patrick:


Kommentare
Hanieh

Schöner Artikel!

2020-03-18 Antworten
Neuer Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Wir freuen uns über Ihren Kommentar und nehmen Ihren Beitrag ernst. Damit wir dies schaffen, bitten wir um einen kultivierten, respektvollen Umgang miteinander.

Zum Anfang